Häuser auf dem Deich - Emil Nolde
Mit einem Gutachten von Dr. Manfred Reuther, Seebüll, vom 14. September 2005.

Emil Nolde zählt zu den bedeutendsten Vertretern des deutschen Expressionismus. 1906 schloss er sich kurzzeitig der Dresdner Künstlergruppe Brücke an, entwickelte jedoch bald seinen eigenen Stil, der sich durch eine freie, emotionsgeladene Farbwirkung und die Abkehr von akademischen Regeln auszeichnete. Eine biografisch bedingte Zäsur innerhalb seines Œuvres markierte das Jahr 1916, in dem Nolde mit seiner Frau Ada ein abgelegenes Bauernhaus in Utenwarf nahe Tondern an der deutsch-dänischen Grenze bezog.
In der unberührten Marschlandschaft direkt hinter den Nordseedeichen fand er jene Abgeschiedenheit, die sich in dem vorliegenden Aquarell Häuser auf dem Deich auf eindrucksvolle Weise niederschlägt. Die um 1919 entstandene Komposition zeigt den für Nolde typischen, streng horizontal gegliederten Bildaufbau der Utenwarf-Phase: Im tiefgrünen Vordergrund liegt ein Fischerboot im stillen Wasser eines Sielzugs, dessen rhythmisch ausgesparte Flächen das Licht reflektieren. Dahinter erhebt sich auf einer schützenden Warft eine dicht gedrängte Gruppe reetgedeckter Friesenhäuser, die sich als wehrhafte Gemeinschaft gegen die Elemente zu stemmen scheinen. Ein schwerer, tiefblauer Wolkenhimmel bricht zum Horizont hin in ein leuchtendes Weiß auf, wodurch die Architektur eine kompakte, fast geschlossene Silhouette erhält. Nolde nutzte hier die von ihm virtuos beherrschte Nass-in-Nass-Technik, bei der das nur bedingt kontrollierbare Fließen der in Wasser gelösten Pigmente auf dem saugfähigen Papier weiche Ränder erzeugt, während Akzente in Tusche den Formen Halt geben.
Unser Aquarell fängt nicht nur die topografische Realität der norddeutschen Marschlandschaft ein, sondern spiegelt auch die spezifische atmosphärische Dichte wider, die jene raue Küstenregion prägt. Ikonografisch und formal steht die Arbeit in unmittelbarem Zusammenhang mit einer größeren Werkgruppe, zu der etwa das thematisch verwandte Aquarell Marschlandschaft mit Fischerboot (um 1920/1925) zählt. In beiden Werken macht Nolde von derselben Bildsyntax Gebrauch: Ein unbemannter Kahn im Vordergrund dient als visueller Einstieg, der den Blick des Betrachters über die ruhige Wasserfläche hinweg zu den im Hintergrund gelegenen Warfthäusern leitet.
Dass unser Aquarell seit 1921 über drei Generationen hinweg im Privatbesitz derselben Familie bewahrt wurde, macht dessen Wiederkehr auf den Kunstmarkt zu einer wichtigen Ergänzung innerhalb der Nolde-Forschung. Als charak teristisches Beispiel jener produktiven Phase in Utenwarf zeigt es auf eindrucksvolle Weise, wie Nolde die Landschaft Nordfrieslands durch sein expressionistisches Farbspiel darzustellen verstand.

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