Die Ausstellung bringt zentrale grafische Arbeiten von Almir Mavignier (1925–2018) mit neuen chromokinetischen Arbeiten seines Sohnes Delmar Mavignier in einen generationsübergreifenden Dialog. Vater und Sohn verband eine langjährige intensive Zusammenarbeit, die in der Präsentation am Neuen Wall sichtbar wird.
Ausgangspunkt der Ausstellung ist die bedeutende Siebdruckmappe PUNCTUM aus dem Jahr 1965 — eine Serie von Arbeiten, in denen sich wesentliche Themen von Mavigniers Werk verdichten: Punkt, Raster, Rhythmus, Variation und Wahrnehmung. Die chromokinetischen Arbeiten der Centenary Edition transformieren klassische Mavignier-Kompositionen und Algorithmen in ein neues Medium und eröffnen bewegliche Bildräume aus Licht, Farbe und Zeit.
In Rio de Janeiro geboren, gehört Almir Mavignier zu den Pionieren der konkreten Kunst in Brasilien und Deutschland. Nach seinen frühen Erfahrungen im psychiatrischen Zentrum Engenho de Dentro, wo er bereits als 21-Jähriger ein Kunstatelier für Patientinnen und Patienten initiierte und betreute – mit aussergewöhnlichen Werken der beteiligten Künstlerpatent*innen, ging er nach Europa und an die Hochschule für Gestaltung Ulm. Dort entwickelte er unter dem Einfluss von Max Bill, Max Bense und ehemaligen Bauhaus-Schüler*innen eine eigenständige Bildsprache zwischen Malerei, Grafik, seriellen Systemen und visueller Kommunikation.
1965 zog Mavignier nach Hamburg und prägte die Stadt kulturell über Jahrzehnte — durch sein bedeutendes Plakatwerk ebenso wie durch die monumentale Punkteplastik konvex-konkav und konvex, die über Jahre am Hamburger Hauptbahnhof installiert war. Von 1965 bis 1990 lehrte er als Professor für Malerei an der HFBK Hamburg; zu seinen bekanntesten Studierenden gehörte Hanne Darboven.
Almir Mavignier war ein grosser Netzwerker und zeigte europäische Avantgardkünstler*innen im Ulmer Studio F in den 50er/60er Jahren. Er war ein frühes Zero Mitlglied und initiierte 1961 die Biennale „Nove Tendencije“ (Neue Tendenzen) in Zagreb 1961 an der viele zukünftige europäische Op-Art Künstler*innen teilnahmen. 1964 war er Teilnehmer der Response of Eye Ausstellung im Moma, New York, vertrat Brasilien auf der Biennale Venedig und nahm an der documenta III teil und ist mit seinem Werk in zahlreichen privaten und öffentlichen Sammlungen vertreten. 1965 entstand die Punctum Mappe und weitere Arbeiten, die wir präsentieren werden.
Siebdruck, Grafik und Malerei stehen in Mavigniers Werk gleichrangig nebeneinander. Seine Punktbilder gehen auf Paul Klee zurück und seine Arbeiten basieren einerseits auf präzisen Regeln und algorithmischen Systemen, andererseits auf Innovation, Offenheit für Zufall und der Interaktion von Farben, die er in seinem Studium mit Josef Albers kennengelernt hat. Die Dreidimensionalität seiner Reliefstrukturen sind auch eine Untersuchung des Lichts selbst. Dieser Aspekt wird durch die neuen chromokinetischen Arbeiten aufgegriffen. Historische Kompositionen und Farben beginnen sich abhängig von Standort, Licht und Bewegung der Betrachter*innen permanent zu verändern. Wahrnehmung wird dabei nicht vorgegeben, sondern entsteht im aktiven Verhältnis zwischen Werk und Publikum. Lange vor den heutigen Diskussionen über algorithmische Systeme entwickelte Mavignier eine Kunst, die Ordnung und Offenheit miteinander verbindet. Gerade darin erscheint sein Werk heute überraschend aktuell und demokratisch: Seine Bilder besitzen kein autokratisches Zentrum und verlangen keine eindeutige Lesart. Stattdessen öffnen sie Räume von Möglichkeit, Bewegung und Teilhabe.
Zum 100. Geburtstag widmete das Ernst Barlach Haus Almir da Silva Mavignier eine Hommage. Parallel zu unserer Ausstellung findet derzeit eine große museale Doppelausstellung in der DAN Galeria, São Paulo statt; abgeschlossen wird das Jubiläumsjahr im November mit einer Ausstellung in der Kunsthalle Weishaupt in Ulm.
Ein Höhepunkt der Ausstellung bei Felix Jud wird zudem ein Konzert von Vlatko Kučan sein, Professor an der HFMT, das das Werk Mavigniers über alle Ebenen der Galerie musikalisch neu interpretiert und inszeniert.