Verso Nachlassstempel mit Nummer: „467“
Privatsammlung, Zürich
Privatsammlung, Nordrhein-Westfalen
Als spiritus rector der von 1905 bis 1913 bestehenden Künstlervereinigung Die Brücke zählt Ernst Ludwig Kirchner zu den Schlüsselfiguren des deutschen Expressionismus. Nach gleichermaßen fruchtbaren wie rastlosen Jahren in Dresden und Berlin zog der durch die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs traumatisierte Künstler 1917 ins schweizerische Davos, um in der Abgeschiedenheit der alpinen Bergwelt wieder zu Kräften zu kommen. Damit einher ging die Suche nach einem neuen künstlerischen Stil. Die ab den 1920er Jahren entstandenen Werke markieren eine ruhigere Phase von Kirchners Expressionismus mit abstrahierenden Tendenzen.
Ein charakteristisches Beispiel für Kirchners Stil der Davoser Jahre ist die Zeichnung Tänzerin. In eng gefasstem Bildausschnitt zeigt der Künstler einen abgedunkelten Raum, der auf eine Bühne zuläuft. Davor sitzen drei vom Betrachter abgewandte Zuschauer. Gebannt folgen sie der Darbietung einer ihre Arme erhebenden jungen Frau, die auf den Zehenspitzen ihres linken Fußes balanciert, während sie das rechte Bein in der Luft anwinkelt. Es handelt sich um die an ihrem Bubikopf erkennbare Ausdruckstänzerin Gret Palucca, einer Schülerin Mary Wigmans, die Kirchner bereits 1925 während eines Dresden-Aufenthaltes kennengelernt hatte und die im Januar 1930 im Kurhaus von Davos auftrat. Ihre physische Präsenz wird nicht nur durch die zentrale Stellung innerhalb der Bildkomposition unterstrichen, sondern auch durch das schwungvolle Linienspiel des Künstlers, welches sich auf die Erfassung ihrer Körperkonturen fokussiert. Fast meint man, der Vorstellung selbst beizuwohnen.
Typisch für den furiosen Zeichner Kirchner ist die Beschränkung auf die wesentlichen Elemente des dargestellten Moments. Ohne sich in Details zu verlieren, umreißt der Künstler die Figuren in wenigen flotten Strichen mit der Zeichenfeder. Tiefenräumlichkeit und Plastizität werden nicht angestrebt. Stattdessen erzeugen mit dem Pinsel gesetzte Lavierungen den Eindruck von Flächenhaftigkeit. Durch das Zusammenspiel dieser Elemente findet Kirchner zu einem in der deutschen Kunst jener Jahre singulären Stil zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Inspiriert ist er von internationalen Kunstströmungen, etwa dem in Frankreich durch Pablo Picasso und George Braque entwickelten synthetischen Kubismus. Der seit seiner Entstehung zu Beginn des 20. Jahrhunderts viele Künstler faszinierende Ausdruckstanz wurde zu einem bevorzugten Motiv Kirchners der Davoser Jahre. In weiteren Zeichnungen, Aquarellen und Gemälden sollte er die gleichermaßen attraktive wie anmutige Gret Palucca festhalten.