Im Archiv der Ada- und Emil-Nolde-Stiftung Seebüll liegt ein Brief der Erstbesitzerin an Emil Nolde vom 15. Juni 1950 vor, in dem die Absenderin den Künstler um die Möglichkeit eines Atelierbesuchs bittet: „Sehr geehrter Herr Professor! Seit vielen Jahren, seit ich Ihre Bilder und später Ihre Bücher kennen lernte, habe ich den gros-sen Wunsch Sie einmal besuchen zu dürfen. […] Es ist nicht die Neugierde, die mich zu dieser Bitte treibt, son-dern einfach eine tiefe und unstillbare Sehnsucht nach Ihren Bildern, deren wunderbar glühende Farben seit jeher eine ganz besondere und einmalige Bedeutung für mich hatten. Sicherlich kann niemand besser als ein Künstler die Bedeutung solcher Eindrücke für ein ganzes Leben verstehen. […]“
Kein Expressionist beherrschte die Aquarelltechnik so virtuos wie Emil Nolde. Bevorzugtes Motiv in diesem Medium sind für ihn Blumen, von deren Schönheit der auf einem Bauernhof in Norddeutschland aufgewachsene Künstler seit jeher fasziniert war. Aus dem Zusammenspiel von Naturbeobachtung und Verinnerlichung entwickelt Nolde im Lauf seines Lebens eine unverwechselbare Bildsprache voller Poesie und Empfindsamkeit. Sie ist zugleich Ausdruck philosophischer Einsicht, denn der passionierte Gärtner und Pflanzenfreund erkennt in den Blumen eine Metapher für den ewigen Kreislauf von Leben und Tod. In seinen Erinnerungen schreibt Nolde:
„Ich liebte die Blumen in ihrem Schicksal: emporsprießend, blühend, leuchtend glühend, beglückend, sich neigend, verwelkend, verworfen in der Grube endend. Nicht immer ist unser Menschenschicksal ebenso folgerichtig und schön.“
Das Stillleben Gelbe Iris und rote Blüte ist ein charakteristisches Beispiel dieser Facette von Noldes Œuvre. Der Künstler zeigt sich in diesem gleichermaßen farbprächtigem wie subtilen Aquarell nicht nur als brillanter Kolorist mit ausgeprägtem Sinn für Komposition, sondern auch von seiner träumerischen Seite. Blumen nehmen seit jeher im Leben und Werk des Malers eine besondere Stellung ein und treten als Motiv insbesondere ab 1906 verstärkt zutage. An seine Ateliers grenzen stets üppige Gärten an, die Nolde in ihrer Pflanzen- und Blütenfülle mit Hingabe hegt – sei es auf der Insel Alsen, wo Nolde von 1903 bis 1916 gemeinsam mit Gattin Ada die Sommermonate verbringt, oder aber in Seebüll, wo sich der Maler und seine Frau ab 1927 endgültig niederlassen und Nolde nach Vorbild eines Bauerngartens einen privaten Garten anlegen lässt.
Zunächst noch in Öl, widmet sich Nolde ab etwa 1918/20 dem Sujet auch in Aquarellfarbe. Noch bis wenige Monate vor seinem Tod im Jahr 1956 hält der Maler die Blütenfülle seines Gartens unermüdlich und in immer neuen Variationen des Motivs fest – bietet ihm die Natur nicht zuletzt die Möglichkeit, seine Farbfantasien völlig frei zu entfalten. Mit seinen frühen Blumen- und Gartenbildern schafft Nolde die Grundlage für die Entwicklung in seinem späteren Werk: Sie geben ihm den Mut, die reinen und leuchtenden Farben frei auf die Leinwand oder das Papier zu bannen, und zur Farbe als dem eigentlichen Ausdrucksmittel seiner Kunst zu finden.