«Ich schaue geblendet in das Licht, das die französischen Impressionisten in ihre Bilder gebannt haben.“ (Carl Moll, „Erinnerungen eines Wiener Malers“, in: Neue Freie Presse vom 21/07/1938)
Um Licht und seine Brechung im Elbwasser geht es auch auf Molls impressionistischer Ansicht des Hamburger Hafens. Da es sich um das kühle Licht des Nordens handelt, in dem die Konturen der Gegenstände nicht zerfließen, heben sich der Michel (Sankt Michaelis, Norddeutschlands bedeutendste Barockkirche), sowie die Speichergebäude des Hafens klar vom Himmel ab. Moll wählte für sie kühles Hellblau, Hellrosa und blasses Gelb. Er stellte den Michel so dar wie ihn jeder Ankommende wahrnimmt, der sich Hamburg von der Elbe und vom Hafen aus nähert. Dicht am Hafen gelegen, ist Hamburgs Wahrzeichen schon von weitem zu sehen. Um den Reiz zu erhöhen, führte Moll den Blick des Betrachters über das Wasser vorbei an dunklen Versatzstücken des Hafens wie Pfählen, Ladekränen, Frachtschiffen und Schiffsladungen zur himmelblauen Kirche, aus dem Dunkel ins Licht sozusagen. Moll kannte den Hafen gut. Da seine Frau, Anna Schindler-Moll, aus Hamburg stammte, kam er regelmäßig zu Verwandtenbesuchen in die Stadt.
Während der Pariser Weltausstellung des Jahres 1900 hatte Moll eingehend die französische Moderne studiert und sich für die lichtdurchfluteten Gemälde der Impressionisten begeistert. Als Mitbegründer der Wiener Secession, kunsthistorisch versierter Ausstellungsmacher und treibende Kraft der Wiener Kunstwelt förderte er nun auch diese ihn faszinierende Kunstrichtung.
1903 organisierte er eine große Impressionisten-Ausstellung im Secessionsgebäude, der 1908/9 eine Reihe weiterer Kunstschauen folgte. Er teilte die Vorliebe der Impressionisten für einfache Motive und die Darstellung des modernen, industriellen Lebens, sowie die Erkenntnis, dass es mehr auf die genaue Beobachtung und das Wie der Darstellung ankommt als auf das Was. Sein Hamburger Hafen wirkt mit den willkürlich angeschnittenen Hafenmotiven im Vordergrund und einem fast achtlos in den Hintergrund gestellten Hauptmotiv wie ein Schnappschuss, der den Augenblick einfängt, In diesem Augenblick steckt allerdings die ganze Stimmung des Hafens. Wie man ein Gemälde mit Stimmungsgehalt auflädt, hatte er bei seinem „Meister“ Emil Jakob Schindler gelernt. Beim Gemälde „Der Hamburger Hafen“ übertrug er die Stimmungsmalerei nun erfolgreich auf ein Motiv der industriellen Arbeitswelt. Sein Strich und seine Farbwahl machen es zu einem spannenden, modernen, kleinen Meisterwerk. Das fast quadratische Format hat es im Übrigen mit vielen Werken der Wiener Secession gemeinsam.