Meditation - Alexej von Jawlensky
Provenienz:
Nachlass des Künstlers
Galleria Castelnuovo, Ascona
Privatsammlung, Deutschland (dort erworben am 29. September 1969)
Durch Erbgang an den jetzigen Eigentümer


Werkverzeichnis:
Maria Jawlensky, Lucia Pieroni-Jawlensky und Angelica Jawlensky: Alexej von Jawlensky.
Catalogue Raisonné of the Oil Paintings, Volume Three 1934-1937, London 1993, Farbabb. S. 309, Nr. 2062

Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Marianne von Werefkin zählt Alexej von Jawlensky (1864-1941) zu den
Schlüsselfiguren des süddeutschen Expressionismus, der sich um Wassily Kandinsky und dessen Lebensgefährtin
Gabriele Münter vor dem Ersten Weltkrieg in München konstituiert. Gemeinsam arbeiten die zwei Künstlerpaare
in den Sommermonaten der Jahre 1908 und 1909 im oberbayerischen Murnau und entwickeln anhand von
Landschaftsmotiven ihren jeweils eigenständigen Stil. Zusammen mit weiteren Anhängern gründen sie 1909 die
Neue Künstlervereinigung München, aus der 1911 die Künstlergruppe Blauer Reiter hervorgeht.
Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird Alexej von Jawlensky als russischer Staatsbürger aus Deutschland
ausgewiesen. Er emigriert mit seiner Lebensgefährtin Marianne von Werefkin, der Haushälterin Helene
Nesnakomoff und dem gemeinsamen Sohn Andreas in die Schweiz, wo die vier in den nächsten Jahren an
unterschiedlichen Orten leben werden. Nach der Trennung von Werefkin zieht Jawlensky 1921 zusammen mit
Helene und Andreas nach Wiesbaden. In den im verbleibenden zwei Jahrzehnten wird er sich ausschließlich mit
der Darstellung des menschlichen Antlitzes befassen, das sich in der Serie der Meditationen mit ihrem streng
abstrahierten Formenschema zu ikonenhaften Andachtsbildern verdichtet.
Die zwischen 1934 und 1937 entstandene Serie der Meditationen markiert die letzte Schaffensphase des schwer
kranken Alexej von Jawlensky. Sie birgt in ihrer extremen Vereinfachung einen für den Künstler frappierenden
Wandel in der Ausdrucksform des Kopfmotivs. In hunderten von Arbeiten variiert Jawlensky schwere Balken in
tiefem Schwarz, die in ihrer Anlage an ein griechisches Kreuz erinnern, das auf der waagrechten Markierung des
Mundes ruht und durch die stirnbegrenzenden Brauen überfangen wird. Die dazwischenliegenden Flächen
gewinnen eine eigene Struktur, in denen parallele Pinselspuren opake Zonen aus verdickter Farbe bilden. So auch
in unserer Meditation von 1936: Zwischen den dunklen Konturen treten auf subtile Weise gelbe, rote, violette und
strahlend blaue Farbflächen hervor, hinter denen nur noch eine vage Ahnung des menschlichen Gesichtes
bestehen bleibt. Nicht zuletzt künden die grob nebeneinandergesetzten Farbbahnen die Qualen des Künstlers, der
den Pinsel aufgrund einer rasch fortschreitenden Arthritis zuletzt nur noch mit beiden Händen führen kann. An
der Nasenwurzel leuchtet das zum Schluss aufgetragene Weisheitszeichen in hellem Ton und unterstreicht den
religiös-meditativen Charakter der Bilder. Es sind die Restzüge des menschlichen Antlitzes, die angesichts der
religiösen Symbolhaftigkeit und spirituellen Macht in den Hintergrund treten: Es handelt sich um gemalte Reflexe
einer ganz innerlichen, metaphysischen Vision, die allesamt einen Splitter der Künstlerseele enthalten.

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