Rechts unten signiert, datiert und bezeichnet: „Charles J. Palmié. Honfleur 06.“
1905/1906 unternahm Palmié eine ausgedehnte Reise durch Frankreich. In Paris dürfte sein Interesse dem Besuch jener Galerien gegolten haben, in denen sich die Werke des Impressionismus am besten studieren ließen. Ebenso nahm Palmié Kontakt zu Ausstellungsorganisationen auf, die aufstrebenden Künstlern ein Forum boten. Seine Bemühungen hatten Erfolg. So erwähnte die Zeitung Le Figaro in ihrem Bericht über den
Salon d’Automne von 1906 ein Gemälde Palmiés neben solchen von Pierre Bonnard und Édouard Vuillard.
Die im Grand Palais abgehaltene Leistungsschau der Avantgarde präsentierte zugleich Werke von Paul Cézanne, Henri Matisse und Constantin Brancusi.
Entscheidend für Palmiés weitere Entwicklung waren Orte, die der Landschaftsmalerei des französischen Impressionismus wesentliche Impulse gegeben hatten. Neben Giverny, wo Monet in dem von ihm angelegten
Gartenreich seine berühmten Seerosenbilder malte, besuchte Palmié den in der Normandie gelegenen Ort Honfleur, an dem die Seine in den Ärmelkanal mündet. Das Hafenbecken mit seinen Fischer- und Segelbooten bot dem Künstler ein vielseitiges Spektrum an Motiven, welche er en plein air direkt auf der Leinwand festhielt. Ziel dieser Arbeitsweise ist die Erfassung unterschiedlicher Wirkungsweisen von Licht und Farbe anhand desselben Gegenstandes. Hierbei geht es weniger um den Inhalt als vielmehr die Autonomie der Malerei, ein zu Beginn des 20. Jahrhunderts ebenso modernes wie revolutionäres künstlerisches Konzept!
Die meisten Ansichten fertigte Palmié in den frühen Morgenstunden an, in denen nur ein paar Fischer die Kaimauern bevölkerten und das Wasser in leuchtenden türkisen Petroltönen erschien. Vor dieser Kulisse hoben sich die pittoresken Formen der Bootsmasten und -segel in dunklen Violetttönen besonders effektvoll ab. Bis heute bieten Palmiés Gemälde dem Auge des Betrachters einen authentischen Eindruck von der Stimmung des Hafenortes Honfleur vor Anbruch des Tages.
Mit sicherem Gespür für austarierte Kompositionen und vibrierende Farbwirkungen, welche an den Prinzipien des französischen Neoimpressionismus geschult sind, perfektionierte Palmié seine zwischen Impressionismus und Pointillismus variierende Malweise in den folgenden Jahren mehr und mehr. Wenn er nicht gerade auf Reisen war, wurden Ansichten der Isar-Metropole München zu seinen bevorzugten Motiven. Seine innerhalb der deutschen Kunstszene singuläre Malweise brachte Palmié rasch Erfolg. Hierdurch wurde die Aufmerksamkeit jenes Künstlers auf ihn gelenkt, der seine Hinwendung zum französischen Impressionismus entscheidend beeinflusst hatte. 1909 lud Kandinsky Palmié ein, sich an der Gründung der Neuen Künstlervereinigung München zu beteiligen, aus der zwei Jahre später eine der wichtigsten Künstlergruppen des 20. Jahrhunderts hervorgehen sollte. Doch noch bevor Palmié die erste Ausstellung des Blauen Reiters erlebte, verstarb er im Sommer 1911 an einem Herzinfarkt. Eine hoffnungsfrohe Reise auf dem Gebiet der Kunst hatte ihr vorzeitiges Ende gefunden.