Zwei Menschen (Alter Mann und Jüngling) - Emil Nolde
„Es ist etwas eigentümliches um die Kunst in ihrer ganzen reichen Erscheinung. Festgelegte ästhetische Regeln gibt es nicht. Der Künstler schafft seiner Natur, seinem Instinkte folgend das Werk. Er selbst steht wie überrascht davor, andere mit ihm und erst allmählich lässt sich das Neue gedanklich oder in ästhetischen Regeln einfangen. Die Kunst will selbst sich geben, sie will nicht vom Willen oder dem Verstande diktiert sein.“



Mit diesen Worten umriss Emil Nolde 1912 in einem Brief an den Kunsthistoriker Max Sauerlandt eine zentrale Maxime seiner Kunst: die gewollte Einbeziehung des Zufalls und damit das Ausschalten des Verstandes beim Malen, soweit es der kreative Schaffensprozess zulässt.



Die von ihm meisterlich beherrschte Aquarelltechnik bot Nolde ideale Voraussetzungen, um sich mit der selbstgestellten Aufgabe über Jahrzehnte hinweg in immer wieder neuer Art und Weise auseinanderzusetzen. Der Künstler schätzte vor allem die vielfältigen Möglichkeiten des Mediums zum Experimentieren. Sie waren ihm Freude und Ansporn zugleich. So hatte er schon 1908 die Einflüsse der klirrend kalten Winterwitterung bei der Arbeit im Freien in den Entstehungsprozess seiner Werke einfließen lassen. Ab den 1920er Jahren übersäte Nolde zuweilen die Bildoberfläche mit Farbflecken, die ihm als abstrakte Grundierung für die Ausarbeitung späterer Kompositionen dienten. Zwischen 1931 und 1935 schuf Nolde dann mit Aquarell- und Deckfarben eine gänzlich neue Werkreihe, die Phantasien. Diese Blätter entstanden ohne jegliche vorherige Vorstellung oder Planung und ebneten ihm endgültig den Weg zu der von ihm angestrebten Mitarbeit der Natur. Sie markieren auch im Hinblick auf Handhabung der Technik und Wahl der Thematik den größtmöglichen Grad an künstlerischer Freiheit in Noldes Schaffen.



In Zwei Menschen entzündet Nolde ein gleichermaßen kühnes wie virtuoses Farbfeuerwerk. Subtil abgedunkelte Blau-, Braun- und Bordeauxtöne kontrastieren mit hell leuchtenden Partien in Orange und Schwefelgelb und verbinden sich zu einem dicht verwobenen Farbgeflecht. Strukturiert wird es durch schwarze Tuschlinien, aus denen heraus der Künstler in unmittelbarer Nahsicht zwei einander zugewandte Figuren entwickelt, wie sie in der Werkserie der Phantasien häufiger vorkommen.



Wie in beinahe allen Werken aus der Serie der Phantasien gibt Nolde keine Anhaltspunkte für das spezifische Verhältnis der dargestellten Figuren zu- bzw. untereinander. Stattdessen überlässt er es dem Betrachter, sich auszumalen, in welchem Moment und unter welchen Umständen sich die fast die gesamte Bildfläche ausfüllenden Personen begegnen. Es ist jener Assoziationsreichtum und die damit verbundene Offenheit der Interpretationsmöglichkeiten, die Nolde neben dem technischen Experimentieren an seinen Phantasien geschätzt und bewusst ausgeschöpft hat. In seinen Erinnerungen schrieb er hierzu:



„[…] es ist uns Menschen gegeben, sie [d.i. Wesen der Phantasie] schöpferisch und sinnbildlich zu gestalten. Dichter, Musiker und bildende Künstler leben gern jenseits der trockenen tagtäglichen Welt, und wenn es jemandem gelingt, sich eine seltsame, seine Welt zu gestalten, soll dies ein abwegiges Vergehen sein, auch wenn in Mythen, Sagen, Fabeln oder Märchen nichts von dieser zu finden ist? […] Es ist beglückend, wenn Strich und Form, Charaktere, Bewegungen und Gebärden schöpferisch, wie müssend, sich geben, von den Farben wie Musik gehoben und begleitet. Höchste Schönheit im Werk entsteht dem Künstler unbewußt, das sinnlich sehende Auge sie schaut, der Verstand braucht Zeit, bis er versteht.“

Enquiry