„Im Freien“ bezeichnet zunächst einen Ort. Es ist der Raum außerhalb des Hauses, außerhalb der geschützten Ordnung des Interieurs. Doch in der Malerei ist das Freie mehr als eine topografische Bestimmung. Es bezeichnet einen Zustand. Wer sich ins Freie begibt, verlässt einen festgelegten Raum und setzt sich einer Welt aus, die nicht vollständig kontrollierbar ist. Licht verändert sich, Wetter zieht auf, Wasser bewegt sich, Pflanzen wachsen, Wind verschiebt die Dinge. Die Natur besitzt keine feste Form.

Die Werke dieser Ausstellung setzen genau an diesem Verhältnis an. Ihre Motive befinden sich im Freien, doch es geht nicht um Freiluftmalerei im historischen Sinn und ebenso wenig um die möglichst unmittelbare Wiedergabe einer Landschaft. Das Außen wird vielmehr als Gegenraum zum Innen verstanden. Während das Interieur den Blick begrenzt und die Dinge in eine Ordnung bringt, öffnet die Landschaft den Bildraum. Sie lässt den Blick schweifen und entzieht sich zugleich dem vollständigen Zugriff.

In der Landschaftsmalerei wird deshalb nicht allein ein Ausschnitt der Welt sichtbar. Es zeigt sich auch, wie der Mensch sich zu dieser Welt verhält. Das Freie kann Weite bedeuten, aber ebenso Orientierungslosigkeit. Es kann Befreiung sein und zugleich eine Erfahrung der eigenen Begrenztheit. Zwischen diesen Polen bewegen sich die hier versammelten Arbeiten.

Besonders die Bewegung der Elemente verändert die Vorstellung von Landschaft. Wasser ist nicht einfach Oberfläche, der Himmel kein statischer Hintergrund. Wind, Licht und Wetter greifen in das Bildgeschehen ein. Landschaft erscheint als etwas Vorübergehendes. Sie ist weniger ein feststehender Ort als ein Zustand, der sich im nächsten Augenblick bereits verändert haben kann.

Die Malerei antwortet darauf mit unterschiedlichen Graden von Gegenständlichkeit. Manche Werke halten an der erkennbaren Form fest, andere lösen sie zunehmend in Farbe, Fläche und Bewegung auf. Gerade darin liegt die Verbindung der Arbeiten: Das Motiv bleibt Ausgangspunkt, doch es wird nicht zum Endpunkt der Malerei. Die sichtbare Welt wird zum Anlass, über Wahrnehmung nachzudenken.

Auch das Papier besitzt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung. Es erlaubt der Beobachtung eine andere Unmittelbarkeit als die Leinwand. Die Spur der Hand bleibt näher an der Entstehung des Bildes. Öl und Papier begegnen sich hier nicht als Gegensätze, sondern als unterschiedliche Möglichkeiten, dem Außen eine bildnerische Form zu geben.

„Im Freien“ ist damit weniger eine Ausstellung über Landschaft als eine Ausstellung über den Zustand, den Landschaft in uns hervorbringen kann. Im Außen verändert sich der Maßstab des Menschen. Der Blick wird weiter, der feste Standpunkt unsicherer. Man befindet sich nicht mehr innerhalb einer Ordnung, sondern in einer Welt, die sich bewegt.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung des Titels: Im Freien zu sein heißt nicht nur, draußen zu sein. Es heißt, für einen Moment weniger festgelegt zu sein. Die Bilder dieser Ausstellung machen diesen Zustand sichtbar, ohne ihn abschließend zu erklären.

Enquiry